Sehhilfe MUSSlimisch

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Reflexion der 1. Kontaktlinse, 03. Dezember 2020

Von Zehra Tuzkaya

Wie immer fanden wir uns dank des Nazars von Corona vor unseren Bildschirmen zusammen, um in einer gemütlichen Atmosphäre voneinander zu lernen und zu wachsen. Bevor wir den „Wir entlarven Rassismus, Sexismus und Islamophobie“ – Modus betreten, wird erstmal über unsere Kleiderschränke, noch auszufüllende Steuererklärungen, lästige Uberfahrer ausgetauscht und Sumeyya verrät uns ihre Tipps und Tricks für nachhaltigen Kleidungskonsum. Obwohl Rumeysa sich noch auf Fahrt befindet, hält es sie nicht davon ab vom Auto aus (natürlich als Beifahrerin) zuzuschalten und sogar Nadine ist trotz der Zeitverschiebung von Ägypten aus dabei. 

Wir sind uns wohl alle einig, dass das vergangene Jahr außergewöhnliche Augenblicke innehatte und unsere Sicht auf das uns vertraute Leben manchmal verschwamm. Was gibt es da passenderes als eine Kontaktlinse, die uns dabei hilft, die Umstände näher zu betrachten und uns eine schärfere Sicht auf die Zukunft bietet?  

Das Sehhilfe MUSSlimisch Projekt findet in Augenblicken und Kontaktlinsen statt. Bei unseren letzten zwei Treffen handelte es sich um Augenblicke, in denen wir uns in einem safe space unter muslimischen Frauen über unser Engagement und unsere Erfahrungen ausgetauscht haben. Die Kontaktlinsen bieten den Nährboden um mit außenstehenden Vertreter:innen verschiedener Institutionen über Partizipation und Teilhabe, muslimisches Engagement und Zukunftsvisionen zu diskutieren.  

In unserer ersten Kontaktlinse durften wir die unterstützenden und aktivistischen Seelen Emine Aslan und Fatima El-Sayed als Gäste begrüßen. Als Gründerin der PoC Hochschulgruppe Mainz, Vorstandsmitglied bei #SchauHin, Bloggerin bei Diaspora Reflektionen und Autorin beim Missy Magazine lernen wir Emine als Allround Aktivistin kennen. 

Fatima bestärkt mit ihrer Arbeit als Referentin bei den neuen deutschen organisationen nicht nur antirassistische Arbeit, sondern auch uns. Das Ziel der Kontaktlinse besteht im inhaltlichen Austausch mit anderen muslimischen Partner:innen, um unsere individuellen Erfahrungen nach außen zu richten und ihre Repräsentativität zu prüfen, sodass wir einen Leitfaden mit größerer Allgemeingültigkeit gewährleisten. 

Wir Expertinnen treten kleinen Gruppen mit Fatima und Emine bei, um uns später wieder im Plenum von unseren Ergebnisse zu berichten. Im lockeren Ambiente unserer Gruppe tauschen wir uns über unsere Erfahrungen als muslimische Frau in der Gesellschaft aus und gehen der Frage nach, welche Faktoren sich daraus ergeben, um inklusive Engagementräume zu schaffen. Wir rufen uns die schmerzhaften und anstregende Erfahrungen ins Gedächtnis, aber wir lassen uns von diesem Schmerz nicht einnehmen, sondern transformieren ihn in Kriterien der Solidarität. 

Die wohl wichtigste Erkenntnis lautet, dass selbstbestimmte Safespaces anerkannt und gefördert werden müssen, wir uns nicht nur Räume suchen, sondern sie auch schaffen sollten, ohne dabei in eine Bringschuld zu verfallen. Außerdem muss intersektionaler Feminismus, Respekt und ein Hinterfragen der Selbst – und Fremdbilder bestärkt werden, um nur ein paar unserer Kriterien zu nennen. Ich merke wie wir unter der Moderation unserer Gäste nicht nur Fragen beantworten, sondern einen Reflexionsprozess durchlaufen. Warum engagieren wir uns in den Räumen, in denen wir uns befinden? Wie sah unser Weg zu ihnen aus? Was wünschen wir uns von diesen Räumen und der Gesellschaft? 

Wie immer hat uns der Nazar Coronas nicht davon abgehalten voneinander zu lernen und Gefühle des Miteinanders und der Freude zu verspüren. 

Zu dieser Freunde gehören unsere Projektleiterinnen Kübra und Nahla, die das Projekt – wie Nadine feststellt – mit unglaublich viel Liebe gestalten und somit einen authentischen Raum schaffen, in dem wir verstanden werden, ohne uns rechtfertigen zu müssen. 

Diese Liebe vermitteln sie uns nicht nur mit ihrem großartigen Projektmanagement und ihrer Authentizität, sondern in Form von einzigartigen Überraschungen. So bekam jede von uns eine unikate Zeichnung, eine Karte voller lieber und empowernden Worte und Schokoloade in Form des jeweiligen Anfangsbuchstabens, welche so cool aussieht, dass ich es nicht übers Herz bringe sie zu essen (obwohl ich sonst nie Ausnahmen bei Schokolade mache). 

Mit Emines Forderung, dass wir uns alle auf die Schulter klopfen sollen, beenden wir unser letztes Treffen des Jahres und bedanken uns bei unseren ersten ermutigenden Gästen, die sich die Zeit für unser Projekt nahmen und uns wieder erneut einen Anstoß gaben weiter zu machen. 

Mit Rumeysas wunderschönen Worten möchte ich mich bei allen bedanken und diese Reflexion enden lassen: „Danke, dass ich mit euch die Welt entdecken darf.“

Reflexion des 2. Augenblicks, 04. November 2020

Von Zehra Tuzkaya

Für manche mag der 04.11.20 nur ein Mittwoch gewesen sein, aber wir hatten einen anderen Blick auf diesen Tag; denn um 18 Uhr versammelten wir uns für unseren zweiten Augenblick des Projekts Sehhilfe MUSSlimisch vor unseren Bildschirmen.

Seit unserem ersten gemeinsamen Treffen lagen Veränderungen in der Luft: Wir befanden uns alle im Lockdown 2.0 (100% Nazar), das neue Semester hatte begonnen, Sumeyya hat ihren Abschluss erworben (mashallah) und Kübra kam dem Erwachsenwerden ein Lebensjahr näher. Doch was sich nicht verändert hat, ist der Wille junger Muslima ihre Zivilgesellschaft positiv zu verändern.

Nachdem sich alle gemütlich vor ihrem Bildschirm eingefunden haben, kamen wir in kleinen Gruppen zusammen, um unsere Gedanken zur „muslimischen Frau“ zu sammeln und zu teilen. 

Was bedeutet „muslimische Frau“ sein für uns? Welche Assoziierungen folgen mit dem Begriff, woran denken wir dabei? Fragen, die zur Formung meines Selbstverständnisses beitragen und dennoch nie einen Platz in meinen Gedanken fanden. Plötzlich standen sie im Raum und ich durfte sagen was ich wollte – ohne mich vor jemanden rechtfertigen zu müssen oder die Bürde der Repräsentation auf meinen Schultern zu fühlen. 

Die Erfahrungen, Gedanken und Ansichten, die wir in unserem Safespace miteinander teilten, brachten uns im Plenum einander näher. Sumeyya fand die richtigen Worte: „Die muslimische Frau ist keine Box, sie kann nicht in eine Box gepackt werden, weil die Bandbreite zu groß ist“ und „die Widersprüchlichkeit, dass man sich immer zwischen Räumen bewegt – man ist immer was anderes, bevor man die Chance bekommt, ein Individuum zu sein.“ 

Ich habe mich selbst dabei ertappt, dass sich bei meiner ersten Assoziation das Bild einer „Frau mit Hijab“ vor mir abzeichnete. Die “muslimische Frau” existiert nicht. Dieses Konzept ist ein Gespenst, dass zu lange in unseren Köpfen herum spukte und schon seit langem vertrieben werden müsste. Habt ihr mal gemerkt, wie verzerrt eure eigene Wahrnehmung ist? Unsere Freudensprünge, wenn wir eine BIPoC Muslima in einer Werbung sehen, sind fast so groß, wie beim Erblicken des Essens zum Iftar. Sollte es nicht die Norm sein, dass Muslima in allen Bereichen des Lebens repräsentiert werden? Auf das Fastenbrechen lässt  sich warten, aber auf die Inklusion von muslimischen Frauen in alle Bereiche des öffentlichen Lebens nicht.

Wisst ihr was Duas erste Assoziationen mit “muslimische Frau” waren? Mutig, powerful, vielfältig. 

Und sie hat recht. Wollt ihr wissen, woher ich das weiß? 

Das wurde mir bewusst, als ich an diesem so einfach erscheinenden Mittwoch auf meinen kleinen Bildschirm blickte und diese sympathischen, sich-nichts-gefallen-lassenden, hilfsbereiten Powerfrauen dieses Projektes sah. 

Reflexion des 1. Augenblicks, 20. Oktober 2020

Von Zehra Tuzkaya

„Möchtest du an unserem neuen Projekt Sehhilfe MUSSlimisch“ teilnehmen?“

Als mir diese Frage gestellt wurde, wusste ich nicht was mich erwartet. Ich konnte mir nicht viel unter einem Projekt vorstellen, welches sich mit muslimischen Frauen und ihrem gesellschaftlichem Engagement auseinandersetzt. Konnten Strukturen in Ehrenämtern und Zivilgesellschaft marginalisierten Gruppen die Sicht versperren? Müssen muslimische Frauen sogar in ihren Ambitionen zur Gestaltung der Zivilgesellschaft mit Diskriminierung rechnen? Sind wir uns diesen Hürden überhaupt bewusst? 

All diese Gedanken tummelten in meinem Hinterkopf auf der Suche nach Antworten. Ich hatte hin und wieder plötzliche Erkenntnisse, wie, dass muslimische Frauen oftmals nicht die Anerkennungen bekommen, die ihnen und ihrer Arbeit gerecht wäre, vielmehr unsichtbar scheinen, obwohl sie diese Gesellschaft tagtäglich mit ihrem Engagement und ihren Visionen formen. Voller Neugierde, wie andere Muslima sich fühlen und welche Erfahrungen sie wohl machen, wurde ich Teil des ersten Augenblicks.

Das Projekt Sehhilfe MUSSlimisch will sich den Fragen nach der Sichtbarkeit und Möglichkeit von Engagement muslimischer Frauen in Heidelberg widmen. Wir werden im Laufe von über einem Jahr in einer Expertinnenrunde, bestehend aus muslimischen Akteurinnen aus Heidelberg und der Rhein-Neckar-Region, Empfindungen austauschen, Erlebnisse reflektieren und Expertise zusammenbringen um zukunftsweisende Richtlinien zu formulieren. Das wird in Augenblicken und Kontaktlinsen geschehen. Augenblicke sind unsere safe spaces; ein Raum für unsere Expertinnen, für uns muslimische Frauen, zum freien und ehrlichen Beisammensein, während wir in Kontaktlinsen unsere Fragen und Ideen in verschiedene Heidelberger Öffentlichkeiten tragen und ausdiskutieren. 

Zwar hätte der erste Augenblick in Präsenz stattfinden sollen, aber wurde kurzfristig zu einer Online-Veranstaltung umgeplant (jemand muss wohl Auge gemacht haben), aber sobald die freundlichen Gesichter auf dem Bildschirm erschienen und schon ab der ersten Minute Smalltalk und Witze auf der Agenda standen, wusste ich, dass ich hier richtig bin. Es hat keine klassischen Ice Breaker benötigt, um Hemmschwellen abzubauen, denn wir alle erkannten sofort unsere Gemeinsamkeiten, die uns verbinden: wir waren neugierig auf das Projekt, engagiert in der Heidelberger Zivilgesellschaft und kannten die Hürden, die mit dem Begriff „muslimisch“ kamen. Wie unser perfekter Tag aussehen würde, war eine Frage, um uns näher kennenzulernen. Egal ob die 24-jährige Kübra, die sich als Person „die gerade erwachsen wird“ definiert; Sumeyya, die zurzeit ihren Master in London absolviert; Beyza mit ihrer Liebe zu kleinen Heidelberger Cafés; die Ethnologin Gülay, die die Distanz zwischen Köln und Heidelberg mit uns überbrückte; Rumeysa, die auch an einem Dienstagabend mit einem strahlenden Lächeln vor der Kamera saß; unsere “überarbeitete” Nahla; oder Nadine, die nicht an ‘den’ perfekten Tag glaubte – alle waren sich einig, dass man an einem perfekten Tag von Sonnenstrahlen geweckt wird, um mit einer Tasse Kaffee in den Tag zu starten und diesen mit einem gemütlichen Filmabend beendet. 

Nach dem Kennenlernen dieser sieben – diesmal fehlten zwei Expertinnen und unsere Runde war nicht komplett – unglaublich sympathischen und ambitionierten Frauen, bot sich uns die Möglichkeit eines Erfahrungsaustausches oder, wie Kübra es so schön nannte: „alle Sachen die eure Präsenz hier ausmachen“. Wir erkannten, dass wir gemeinsam auf das Gefühl der Verzweiflung als muslimische Frau stoßen, der man durch die internalisierten Strukturen des Rassismus und Sexismus ausgesetzt ist, das Gefühl der Gefangenheit in der Ambivalenz zwischen „ich will Projekte gestalten“ und „wird das jemand unterstützen?“ Wir sind uns einig, dass das Projekt „Sehhilfe MUSSlimisch“ uns einen Raum bietet, diese Emotionen auszusprechen, ihnen in ihrer Gemeinsamkeit bewusst zu werden und wertvolle Erfahrungen zu sammeln, die wir bündeln und anderen zugänglich machen möchten. Mehr über unseren zukünftigen Leitfaden und Gütesiegel werden wir in Zukunft berichten. 

Voller Freude blicke ich auf den nächsten Augenblick den gemeinsamen Wiedersehens am 04.11!